Quelle: Barmstedter Zeitung vom 24.04.2026

Ins Holstein der Renaissance: Bürgervorsteher Ortwin Schmidt (von links), Mitkurator Michael Theilig, Heino von Rantzau und Bürgermeister Florian Rodenberg mit der Jordankarte, die Barmstedt erstmals kartografisch bezeichnet.
FOTO: PIERRE DROSTE
Das Museum der Grafschaft Rantzau auf der Barmstedter Schlossinsel würdigt als eines von vier Häusern in Schleswig-Holstein den 500. Geburtstag Heinrich Rantzaus. Die Ausstellung führt von den Gestirnen zur Selbstfindung Holsteins.
Gleich auf mehreren Ebenen spielt die neue Ausstellung des Museums der Grafschaft Rantzau in Barmstedt: „Heinrich Rantzau und die Sterne“ erläutert nicht nur den ‚Neuen Menschen‘ der Renaissance, als der er den Norden bis heute prägt. Sie erzählt gleichzeitig von der Herausbildung einer gemeinsamen Holsteiner Identität.
Heinrich Rantzau – das Idealbild eines universellen Geistes
Heinrich Rantzau, den Schleswig-Holstein derzeit im Rantzau- Jahr seines 500. Geburtstages ehrt, war das Idealbild eines universellen Geistes. Schon als achtjähriger Student verkehrte er mit den großen Lehrern seiner Zeit an der Wittenberger Universität – an diesem Inkubator von Renaissance und Reformation hatte er es nicht nur mit Luther zu tun, sondern vor allem mit Philipp Melanchthon, dem größten deutschen Humanisten. Über sie sollte er als Gelehrter, Politiker, Holsteiner Amtmann, europäischer Großfinancier, Bauherr die Renaissance in den Norden tragen und mit ihr die europäische Neuzeit.
Mit Heinrich Rantzaus originalen astronomischen Arbeitsmitteln taucht die Ausstellung in diese Welt ein. Sie machen diesen Menschen und seine Zeit so unmittelbar greif bar: Diese kulturhistorisch überaus wertvollen Kulturschätze, sein Calendarium oder die vergoldete Planetentafel, die er zärtlich sein Täfelchen nannte.

So sieht bei Heinrich Rantzau der Kreis der Tierkreiszeichen aus. ARCHIVFOTO: MICHAEL BUNK
Dass Astronomie und Astrologie damals als zwei Seiten der gleichen Wissenschaft wahrgenommen wurden, mag heute überraschend klingen. Aber war der Einfluss der Gestirne auf uns nicht unzweifelhaft: der der Sonne mit Tageslauf und Jahreszeiten, jener des Mondes mit den Tiden? Es lag nur nahe, nach ihren weiteren Wirkungen zu forschen und mit ihnen nach denen der Planeten.
Die praktische Bedeutung lag auf der Hand. Die Astronomie berechnete den Lauf der Gestirne, ihren Einfluss vermutete man in der Astrologie. Mit wissenschaftlicher Methodik suchte man so, die Zukunft in Horoskopen zu ergründen. Deren Bedeutung war eminent: Keine strategische politische Entscheidung wurde ohne ihre Prognose gefasst. Heute ist es übrigens ebenso, nur die Mittel sind andere.
Heinrich Rantzau prägt das holsteinische Bewusstsein
Einem anderen, ganz unmittelbaren Wirken Heinrich Rantzaus als Amtmann Holsteins widmet sich der zweite Teil der Ausstellung. Mit seinem humanistischen Blick auf das Land entstanden nicht nur die ersten vermessenen Landeskarten, sondern auch seine ersten wissenschaftlichen Beschreibungen: Mit diesen großen Zeitdokumenten führt uns das Museum in dieses Holstein des 16. Jahrhunderts.

Dieses zeitgenössische Porträt zeigt Heinrich Rantzau etwa 60-jährig mit dem Elefantenorden, dem höchsten und ältesten Ritterorden Dänemarks. FOTO: KREISMUSEUM PRINZESSHOF
Sie krempelten das Bewusstsein der Holsteiner von ihrer Heimat und Identität völlig um. Waren die zuvor vom unmittelbaren Umfeld geprägt, wurde aus Holstein nun ein zusammenhängender Kultur- und Wirtschaftsraum. Die neue, empirische Gesamtaufnahme von Bevölkerung, Landschaft und Ressourcen des Landes war nicht nur Grundlage moderner Verwaltung. Der Blick über die Gemarkungsgrenzen hinaus eröffnete auch dem gemeinen Volk Perspektiven, die nicht nur zu einer kulturellen und wirtschaftlichen Blüte führten. Es entstand durch sie auch ein übergreifendes, gemeinsames Zugehörigkeitsverständnis – die Holsteiner Identität.
Es ist das große Geschick des Rantzauer Museums, dies alles nicht nur intuitiv und anschaulich, sondern auch so kondensiert nahebringen zu können. Gerade das aber eröffnet dem Besucher den Raum, seine Neugier spielen zu lassen und nachzufragen.
